Leben
18. 03. 2020

Normalität durch Routine

Lernen zu Hause. Wecker statt Schulglocke, Familienpläne und Jause in der Pause: Lehrerausbildnerin Aga Trnka-Kwiecinski sagt, worauf es jetzt ankommt
INTERVIEW
Von Daniela Davidovits

KURIER: Wie kann man den Kindern ohne Schule etwas Normalität geben?
Aga Trnka-Kwiecinski: Routinen sind dort besonders wichtig, wo sie plötzlich und fremdbestimmt Beeinträchtigungen mit sich bringen. Ein gewagter Vergleich: Menschen, die ins Gefängnis kommen, brauchen diese Routine des Alltags, um mit der Situation des Eingesperrtseins fertig zu werden.

Wie organisiert man den Tag?
Aufstehen, Frühstück, Schulbeginn – die Uhrzeit kann variieren. Man kann sogar einen Wecker läuten lassen statt der Schulglocke. Manche können die Struktur selbstständiger schaffen, andere Kinder brauchen einen echten Stundenplan. Aber es geht nicht nur um den Vormittag und das Lernen. Jetzt ist ein Überblick notwendig. Am besten macht man einen Familienplan, in den auch Hausarbeiten wie Kochen, Waschen und ähnliches eingetragen werden. Auch die Aufteilung. Wichtig ist, Gelegenheiten zum Reden zu schaffen, etwa eine gemeinsame Jause am Nachmittag. Da kann man Organisatorisches besprechen, aber auch die Corona-Situation und wie es uns damit geht. Das ist am Nachmittag besser als vor dem Schlafengehen.

Wie lange konzentrieren sich die Kinder?Eltern glauben, dass laut Stundenplan jeweils 50 Minuten am Stück gearbeitet wird, aber das ist grad mal in der vierten Klasse Volksschule so. Konzentrationsphasen bei Kleineren sind 10 bis 15 Minuten. Arbeitspakete für einen Tag umfassen für Volksschulkinder meist einen Aufwand von einer Nettostunde. Für die restliche „Schul“-Zeit kann man mit den Kindern spielerisches Lernen mit Lern-Apps oder Rätseln einteilen.

Was ändert sich bei den Größeren?
In der Unterstufe können Kinder Inhalte verarbeiten, allerdings ist Lernen in der Gruppe ganz anders als allein zu Hause. Lernen, gemeinsame Pause, zweiter Durchgang. Dann können Kinder zeigen, was sie gemacht haben. In der Oberstufe sind hoffentlich genug Motivation und Selbstständigkeit vorhanden. Wenn hier Unwille spürbar ist, dann sind vielleicht Ängste vor der Situation da oder es gibt ein Thema, das unabhängig von Corona da war, nur jetzt sichtbarer wird.

Ist jetzt eine gute Gelegenheit, in Ruhe Mängel auszugleichen? Wie viel sollen Eltern selbst vorgeben?
Wenn der Lerndrill ausbricht, weil mir das Kind jetzt nicht auskommt, zerstöre ich vielleicht sein letztes Interesse für ein Fach und torpediere wegen ein paar Vokabeln unsere Beziehung. Spielerisch geht es eher: ein Buch lesen und dann gemeinsam den Film anschauen – auf Englisch.

Wie bekomme ich mein Kind zum Lernen, wenn es nur spielen will?
Das ist das klassische Problem der Doppelrolle. Erst sitzen wir als Familie beim Frühstück. Dann bin ich im Homeoffice und das Kind ist als Schüler in der Lernsituation. Was wir bedenken sollten: Lehrer gehen in die Schule, um zu unterrichten und Lehrpläne zu erfüllen, Kinder wollen in der Schule vor allem Sozialkontakte pflegen. Das Lernen passiert eher nebenbei. Die Freunde aus der Schule fehlen ihnen jetzt.